RIP Lemmy!

Wenn der Tod eines 70jĂ€hrigen Rockers sĂ€mtlichen Online-Nachrichtenportalen und allen respektablen Tageszeitungen und Nachrichtensendungen eine Meldung wert ist, muss es sich ohne Zweifel um eine außergewöhnliche Person handeln.

Am 28.12., vier Tage nach seinem 70. Geburtstag, verstarb Ian Fraser ‚Lemmy‘ Kilmister an einer Krebserkrankung, die nur zwei Tage vorher diagnostiziert wurde. Die UmstĂ€nde seines Todes, sein Leben, seine Musik und sein legendĂ€rer Zigaretten-, Jack&Coke- und Amphetaminkonsum sind allgemein bekannt, hier kommt mein persönlicher Nachruf:

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann genau ich zum ersten Mal einen Motörhead-Song gehört habe, es ist aber SEHR lange her: im zarten Alter von 11 Jahren entdeckte ich mit Iron Maiden die NWoBHM und damit war ich angefixt. Seitdem kann ich keinen Popsong mehr hören, ohne einen leichten (oder akuten) Brechreiz zu verspĂŒren. Schon bald waren mir Maiden zu lasch und die nie endende Suche nach hĂ€rterem Stoff begann. Wohlgemerkt, zu dieser Zeit waren Metallica bestenfalls eine Garagenband, die Diamond Head coverte und Slayer versuchten sich an Judas Priest – Songs.

Und so landete jeder, der 1980/81 neue HĂ€rtegrade suchte, zwangslĂ€ufig irgendwann bei Motörhead. Wie gesagt, ich weiss nicht mehr wann und wie, aber irgendwann hatte ich ein Tape des „No Sleep til Hammersmith“ – Albums in meinen HĂ€nden und das war der heisse Scheiss! Ich kann mich noch erinnern, wie ich im Plattenladen das Cover bewunderte: ein unscharfes Foto, drei kaum erkennbare Typen, darĂŒber der Bomber und im Vordergrund die Köpfe der Meute und ein paar ausgestreckte HĂ€nde mit dem Stinkefinger.

Klingt heute vielleicht lĂ€cherlich, aber in prĂ€-Internet- und sogar prĂ€-Metal Hammer-Zeiten (und auf einen 12jĂ€hrigen Volker) strahlte die Band, ĂŒber die ich nichts wusste, etwas Geheimnisvolles und vor allem GefĂ€hrliches aus. Außerdem war es auch damals schon cool, in der Schule vor seinen Kumpels mit einer neuen, noch hĂ€rteren Band anzugeben.

Ein paar Jahre spĂ€ter war ich regelmĂ€ĂŸiger Metal Hammer- und RockHard-Leser und hatte mir den kompletten Motörhead-Backkatalog sowie eine VokuHila-Matte zugelegt. Die Suche nach mehr HĂ€rte hatte mittlerweile (mit fleissiger Hilfe meines Bruders) neben Metallica, Slayer, etc. auch Discharge, GBH, the Exploited usw. zu Tage gefördert. Neben diesen Bands hatte Motörhead hĂ€rtetechnisch natĂŒrlich keine Chance, aber im Gegensatz zu den bald als Poser abgekanzelten Weicheiern wie Van Halen, Mötley CrĂŒe, Priest (zu ‚Turbo‘-Zeiten) etc., war es immer noch cool, Lemmy zu hören!

Der hatte der Band mittlerweile eine Frischzellenkur verpasst und brachte 1986 mit Phil Campbell, WĂŒrzel und Pete Gill den Klassiker ‚Orgasmatron‘ raus. Der Titelsong, Lemmys Abrechnung mit Religion, Politik und Krieg, die er als die „drei grĂ¶ĂŸten Übel der Menschheit“ bezeichnete, wurde zu meiner Hymne und war maßgeblich an meiner Entscheidung beteiligt, mit 18 Jahren aus der Kirche auszutreten.
Im Gegensatz zu den damals oft mehr als albernen Texten der meisten Metal-Bands (Manowar
) hatte Lemmy nĂ€mlich schon immer was zu sagen. Herrlich kontrĂ€r zu seinem Image war Mr. Motörhead ein sehr gebildeter, höflicher und ĂŒberaus intelligenter Zeitgenosse.

Trotz seiner zahllosen AffĂ€ren hat ĂŒbrigens noch nie jemand davon gehört, dass Lemmy eine Frau schlecht behandelt hĂ€tte, im Gegenteil sprechen sĂ€mtliche Damen, die seinen Weg ‚gekreuzt‘ haben, in den höchsten Tönen von Mr. Kilmister und bezeichnen ihn als wahren Gentleman.

Im Laufe der 90er etablierte sich dann das finale Motörhead-Lineup mit Phil Campbell und Mikkey Dee. In dieser Besetzung nahm die Band ein großartiges Album nach dem Anderen auf und langsam aber sicher zementierte sich Lemmys Ruf als ‚Elder Statesman‘ des Rock’n’Roll, dem von der kompletten Rock-Szene großer Respekt entgegengebracht wurde. Mehr als verdient!

Mein Musikgeschmack hat sich ĂŒber die Jahre natĂŒrlich verĂ€ndert und vor allem erweitert, das eine oder andere Motörhead-Album wurde aber zu allen Zeiten immer mal wieder aufgelegt. Allerdings: obwohl die Band fast jedes Jahr in Deutschland tourte, habe ich es bis im letzten Jahr nie geschafft, Motörhead mal live zu sehen. 2014 in Wacken hat es dann endlich geklappt und ich bin jetzt heilfroh, dass ich Lemmy (den damals gerade wiedervereinigten) Carcass vorgezogen habe.

Ich hatte auch ĂŒberlegt, mir das Konzert im Dezember 2015 in Berlin anzuschauen, habe mich dann aber wegen der fĂŒr mich völlig uninteressanten Vorbands dagegen entschieden. HĂ€tte ich gewusst, dass das Lemmys allerletztes Konzert ĂŒberhaupt werden wĂŒrde, hĂ€tte ich mich mit Freuden bei Saxon gelangweilt, so durfte ich immerhin einmal in Wacken die legendĂ€ren Worte hören:

‚We are Motörhead and we play Rock’n’Roll!‘

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darĂŒber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.