Rest in Peace, Lei Jun!

Ich hab es heute erst erfahren, bereits am 06. Mai ist Lei Jun, der SĂ€nger der legendĂ€ren Pekinger Skinhead-Band MiSanDao im Alter von nur 40 Jahren an einem Herzinfarkt verstorben. Ich durfte Lei Jun wĂ€hrend meines Peking-Aufenthalts im letzten Jahr kennenlernen, als ich sein Restaurant ‚Noodle Inn‘ besuchte.

Ich kann mich noch genau an unsere erste Begegnung erinnern: Lei Jun betrat seinen Laden wĂ€hrend ich noch am Essen war, zeigte auf mein Eyehategod-T-Shirt, grinste breit und stellte mir ungefragt erstmal ein Bier vor die Nase, bevor er mich ansprach.  Ich habe dann drei Abende mit ihm in seinem Restaurant verbracht, wĂ€hrend derer er mich mit ausgezeichnetem Essen und unzĂ€hligen Bieren versorgte und wir jedes Mal bis spĂ€t in die Nacht ĂŒber Punkrock, China und den Rest der Welt philosophierten.

Lei Jun erzĂ€hlte mir, er habe die Band kĂŒrzlich verlassen, um sich auf sein Restaurant zu konzentrieren, welches schon zum Zeitpunkt meines Besuches mehr als nur ein Geheimtip war. FĂŒr diesen Sommer hatte er mit seiner Frau eine Europa-Reise geplant, um ihr einige der vielen StĂ€dte zu zeigen, in denen er mit MiSanDao gespielt hatte.

Ich hĂ€tte mich sehr gefreut, ihn hier in Berlin zu begrĂŒĂŸen und ihm ein StĂŒck der Gastfreundlichkeit zurĂŒckzugeben, die er mir entgegengebracht hat. Und mich fĂŒr die zahllosen Biere, die er mir ausgegeben hat, zu revanchieren. Ich werde jetzt eine Menge davon auf sein Wohl trinken!

 

Nordkorea – Fazit

Ich bin jetzt seit vier Wochen wieder zuhause, seit ich aus Nordkorea raus bin, sind 1,5 Monate vergangen. Zu der Reise selbst hab ich eine Menge geschrieben, ich will aber noch ein paar Dinge festhalten, die ich vor der Reise hier vorsichtshalber nicht geposted habe. Der Reihe nach:

Mein Interesse an dem Land reicht ziemlich weit zurĂŒck, die politische Situation war mir schon sehr lange bekannt, ich erinnnere mich daran, dass ich irgendwann Mitte der 90er mal einen eindrucksvollen Bericht gesehen habe. Das war die Zeit der großen Hungersnot, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fielen von heute auf morgen sĂ€mtliche Lebensmittel- und Rohstofflieferungen weg und Kim Jong Il war zu stolz, im kapitalistischen Ausland um Hilfe zu bitten. Die direkte Folge waren geschĂ€tzt eine Million Hungertote, bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 22 Millionen.

Seit dieser Zeit verfolge ich mehr oder weniger intensiv, was in dem Land vor sich geht, dass man Nordkorea problemlos bereisen kann, ist (zumindest mir) ziemlich neu. Ich habe zum ersten Mal letztes Jahr auf der ITB NĂ€heres erfahren, als ich den NK-Stand besucht habe und obwohl ich mich mit dem Typen dort nicht verstĂ€ndigen konnte, war klar, dass ich das machen will. Die Offenheit des Landes fĂŒr Touristen schwankt mit der jeweils aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage, zur Zeit sind die ZĂŒgel relativ locker, das Regime ist auf die Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen, dewegen war die Gelegenheit gĂŒnstig.

Bleibt die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, eine brutale MilitĂ€rdiktatur, denn nichts anderes ist Nordkorea, mit einer Reise und damit mit seinem Geld zu unterstĂŒtzen. Ich habe mit meiner Entscheidung bei sĂ€mtlichen Freunden und Bekannten mit wenigen Ausnahmen völliges UnverstĂ€ndnis geerntet, die Reaktionen schwankten zwischen ‚hast Du da keine Angst?‘ und ‚Bist Du irre, das kannst Du doch nicht machen!‘ Mein ehemaliger Arbeitskollege R.H. arbeitet ehrenamtlich bei Amnesty International und ist dort in einer Nordkorea-Gruppe. Er war selbstverstĂ€ndlich nicht begeistert und er war es auch, der mir geraten hat, im Vorfeld der Reise sehr vorsichtig zu sein und z.B. ihn sofort bei Facebook zu defrienden, da man nicht genau weiss, wie weit potentielle Touristen vorher gecheckt werden. Deswegen habe ich vor der Reise meine Bedenken und auch meine Meinung zu Land und System hier nicht geĂ€ussert.

Ich war mir selbst alles andere als sicher, ob ich die Reise machen soll, habe dann aber beschlossen, mein Gewissen zu ignorieren. Nach dem was ich dann im Land gesehen und erlebt habe, bin ich jetzt der Meinung, dass meine Entscheidung richtig war. Das hört sich wie eine nachtrĂ€gliche Rechtfertigung an, ist es aber nicht. Ich bin sogar der Meinung, dass noch viel mehr Touristen aus westlichen LĂ€ndern in das Land kommen sollten. Aus einem einfachen Grund: der Erfolg des Regimes grĂŒndet sich zu einem nicht zu unterschĂ€tzenden Teil auf der Unwissenheit der Bevölkerung. Die Situation in Korea wird zwangslĂ€ufig und auch zu Recht mit der Situation des geteilten Deutschland verglichen, es gibt aber dabei einen entscheidenden Unterschied: die Bevölkerung der DDR war jederzeit in der Lage, sich ĂŒber die ZustĂ€nde in Westdeutschland und im Rest der Welt zu informieren. Fast jeder konnte Westfernsehen empfangen, viele Menschen hatten Verwandschaft im Westen, zu denen ein gewisser Kontakt möglich war, nach der Lockerung durch Honecker in den 70ern waren auch Besuche möglich. Dadurch wusste der Großteil der Bevölkerung, wo sie im Vergleich zum Westen stand.

In Nordkorea sieht das anders aus, bis auf einen kleinen elitĂ€ren Teil weiss kaum jemand, wie es im Rest der Welt aussieht. Das ist, zumindest meiner Meinung nach, auch einer der HauptgrĂŒnde, wieso sich das Regime mit aller Gewalt gegen jedwede Lockerung strĂ€ubt. Deswegen denke ich, dass jeder noch so kleine Kontakt mit auslĂ€ndischen Touristen dazu betrĂ€gt, das Vertrauen der Nordkoreaner in ihre Regierung zu untergraben und sei es nur, dass sich der Tourist an einem Stand einen Apfel kauft und den/die VerkĂ€ufer/in anlĂ€chelt und ein Trinkgeld gibt. Von Vorteil dabei ist auch, dass wahrscheinlich jeder der das Land bereist, das aus ehrlichem Interesse macht, ansonsten wĂŒrde er oder sie nĂ€mlich niemals soviel Geld ausgeben. Das heisst, die ĂŒblichen Touri-Prolls, die man in westlichen LĂ€ndern oft genug sieht und die sich ĂŒberall daneben benehmen, gibt es in Nordkorea nicht. Der böse Westen zeigt sich dadurch in Nordkorea von seiner besten Seite und wenn auch nur eine einzige Person, mit der ich Kontakt hatte, sich jetzt denkt: ’so furchtbar schlimm und böse sind die Kapitalisten ja gar nicht‘, hat sich die Reise gelohnt.

Vor meinem Besuch war ich der Meinung, dass die Teilung ewig fortbestehen wĂŒrde und ich konnte mir kein Szenario vorstellen, das an dem Status Quo was Ă€ndern könnte, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Neue Technologien wie Smartphones halten Einzug, DVD-Player sind nicht mehr nur den privilegierten Parteigenossen vorbehalten und durch den Handel mit China, auf den das Regime nicht verzichten kann, kommen auch ’normale‘ BĂŒrger in den Besitz von DVDs mit Filmen und Berichten aus dem kapitalistischen Ausland. Das sind alles nur kleine Tropfen, aber ich glaube mittlerweile, dass ich den Zusammenbruch des Regimes noch erleben werde. Was danach kommt steht auf einem anderen Blatt, sollte es tatsĂ€chlich zu einer Wiedervereinigung kommen, werden die Probleme bei der Deutschen Vereinigung dagegen ein Witz sein. Trotzdem kann ich allen empfehlen, das Land zu bereisen, es lohnt sich in jedem Fall.

 

Peking 10 – der Rest

Die restlichen Tage fasse ich wieder zusammen, da nichts aussergewöhnliches mehr passiert. Am Mittwoch will ich mir einen Tempel anschauen, den der Lonely Planet als ’sehr dĂŒster‘ beschreibt, als ich nach einer kleinen Odyssee dort ankomme, finde ich an dem Ort lediglich ein Folklore-Museum, das ich mir dann aber nicht anschaue. Ansonsten gammele ich nur rum, abends gehe ich zu Cafe Sambal, einem Malayischen Restaurant und esse Beef Rendang, was verdammt lecker ist.

Am nĂ€chsten, meinem letzten Tag fahre ich zum MilitĂ€rmuseum, welches allerdings wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Man darf trotzdem umsonst rein und den Hof betreten, es dauert ewig bis ich drin bin, weil trotz kostenlosem Eintritt die PĂ€sse kontrolliert werden und der Andrang gross ist. Auf dem Hof sind dann jede Menge Penisse ausgestellt und mit Penissen meine ich natĂŒrlich Kanonen. Man muss kein Freudianer sein, um die Galerie der Panzer mit ihren hoch aufgereckten Stahlrohren entsprechend zu deuten. Kleine MĂ€nner mit kleinem GemĂ€cht brauchen eben grosse Spielzeuge. Das Thema zieht sich irgendwie wie ein roter Faden durch meine Reise, wundert mich bei diesen Zielen aber auch nicht.

Am Abend gehe ich zum letzten Mal zu Noodle Inn, esse wieder mal ausgezeichnet und verabschiede mich von Lei Jun. Die Verabschiedung artet wie zu erwarten war in einem BesĂ€ufnis aus, ich falle dann gegen 2:30h ins Bett und muss nach 3 Stunden wieder aufstehen. Das tut weh und nach der kurzen Zeit bin ich auch immer noch nicht nĂŒchtern. Eine kalte Dusche schickt mich auf den Weg.

Ich fahre ein paar Stationen mit der U-Bahn, schaffe es, nicht in die Bahn zu kotzen und steige dann in den Airport-Express, der mich in gut 20 Minuten zum Flughafen bringt. Die Ausreise und auch der Checkin gehen zum GlĂŒck recht schnell, nach einer Dreiviertelstunde kann ich dann einsteigen. Ich habe einen genialen Platz reserviert, ich sitze am Fenster in der vordersten Reihe, habe also eine Wand vor mir und dadurch viel Beinfreiheit. Zudem habe ich nur einen Sitznachbarn, einen kleinen dicken Chinesen, der die meiste Zeit schlĂ€ft und mir nicht auf die Nerven geht. Der Flug wird von Air France durchgefĂŒhrt, dementsprechend unfreundlich ist das Personal, was mich aber nicht weiter stört. Das Essen ist gut, das Entertainment-Angebot groß, so dass der Flug sehr angenehm verlĂ€uft. Da ich ziemlich platt bin, verschlafe ich bestimmt die HĂ€lfte der Zeit und lande dann gegen Nachmittag in Paris. Dort muss ich knapp zwei Stunden warten bevor es weitergeht und um 17:30h lande ich endlich in Tegel.

Diesmal muss ich nicht wie letztes Jahr ein Stunde auf mein GepĂ€ck warten, der TXL-Bus steht schon bereit und gegen 18:30h bin ich zuhause. Das ist eine gute Zeit, denn so kann ich wie an einem normalen Arbeitstag schlafen gehen und bin am nĂ€chsten Morgen halbwegs fit. Am Samstag frĂŒh beschliesse ich, den Tag auf der Couch vorm Fernseher zu verbringen und so meinen Jetlag zu bekĂ€mpfen, nach ca. 10 Minuten gibt mein Fernseher den Geist auf. D’oh!

Peking 9 – Kochkurs

Das Aufstehen fĂ€llt mir wie erwartet schwer, ich muss trotzdem halbwegs frĂŒh raus, denn um 9:00h treffe ich mich mit den Teilnehmern meiner Markt-Tour. Ich habe die Tour schon von zuhause zusammen mit einem anschliessendem Kochkurs bei ‚The Hutong‚ gebucht. Wir sind zu siebt, zwei Frauen aus England, ein Deutscher, ein Amerikanisches Ehepaar, die FĂŒhrerin und ich. Mia, so heisst die Dame, fĂŒhrt uns zu einer kleinen Markthalle um die Ecke und stellt uns dort die wichtigsten Zutaten der Chinesischen KĂŒche vor: GewĂŒrze, Essige, Öle, Saucen, GemĂŒse, Fleisch, Fisch und allerlei anderes Zeug. Die ErklĂ€rungen sind sehr gut, die Informationsmenge allerdings zu groß, so dass ich das Meiste schon bald wieder vergessen hab. Ich kaufe ein Glas eines GewĂŒrzmittels, was man angeblich fĂŒr alles verwenden kann, der Name bedeutet ĂŒbersetzt soviel wie ‚Old Dry Mum‘.

Danach gehts zu The Hutong zum Kochkurs. Wir sind etwa 12 Personen, seltsamerweise fast ausschliesslich Deutsche. Wir sitzen alle um einen Tisch, jeder hat ein Tablett, ein Messer und ein paar Schalen vor sich, eine mobile Kochstation mit zwei Woks steht dabei. Sophia, unsere Lehrerin, macht das richtig gut, wir lernen erstmal jede Menge Grundlagen, dann schnippeln wir gemeinsam die Zutaten und zum Kochen darf dann jeder mal an den Wok. Zum Schluss essen wir gemeinsam, wir haben einen Salat, pfannengerĂŒhrte grĂŒne Bohnen und Gung Bao Chicken gekocht, das sind HĂ€hnchenbrust-StĂŒcke mit Lauch und ErdnĂŒssen, wir haben zwei Versionen gemacht, einmal scharf und einmal fĂŒr Weicheier. Alles schmeckt sehr gut, wir unterhalten uns dann noch lange und zum Abschluss bekommen wir eine kleine Mappe mit den Rezepten.

Den erfolgreichen Tag schliesse ich dann am Abend mit einem weiteren Besuch im Noodle Inn ab und es kommt was kommen muss, ich sitze wieder ewig mit Lei Jun zusammen und werde genötigt jede Menge Bier zu trinken. Er erzĂ€hlt mir, dass er vor kurzem seine Band verlassen hat, da er demnĂ€chst 40 wird und sich jetzt voll seinem Restaurant widmen will. Er ist auf der Suche nach mehr Biersorten fĂŒr den Laden und fragt mich, ob denn Sternburg in Deutschland ein sehr beliebtes Bier sei. Dass dem nicht so ist und lediglich Punks und Penner das Zeug trinken amĂŒsiert ihn. Er erzĂ€hlt mir dann, dass er plant, im kommenden Jahr mit seiner Frau einen Europa-Trip zu machen und ihr ein paar der StĂ€dte zu zeigen, die er mit der Band betourt hat. Ich gebe ihm meine Email-Adresse, falls er dann auch nach Berlin kommt. WĂŒrde mich freuen, ihn hier widerzutreffen.

Peking 8 – Beijing Boot Boy

Auch heute faulenze ich zum grĂ¶ĂŸten Teil nur rum, ich merke, dass ich mĂŒde bin und mein Kopf voll ist mit Bildern, GeschmĂ€ckern, GerĂŒchen, etc. Ich fahre zwischendurch nur mal zur 77th Street, das ist eine unterirdische Shopping-Mall, die frĂŒher mal ein gigantischer Luftschutzbunker war. Bezeichnend fĂŒr die Entwicklung in China in den letzten Jahrzehnten hat man das Ding in einen Konsumtempel verwandelt. Innen befindet sich auf mehreren Stockwerken ein Labyrinth aus kleinen und grĂ¶ĂŸeren LĂ€den, erinnert mich an das MBK-Center in Bangkok, in dem ich letztes Jahr war. Ich beschrĂ€nke mich aufs Herumlaufen und habe bald genug und fahre zurĂŒck.

Zum Abendessen gehe ich dann zu einem Laden namens Noodle Inn, eine Empfehlung vom Lonely Planet und das ist ein Volltreffer. Das sehr kleine Restaurant gehört Lei Jun, dem SĂ€nger der (linken) Skinhead-Band Misandao. Die WĂ€nde sind vollgehĂ€ngt mit LPs und Postern von The Clash, den Adicts, Sex Pistols, die Casualties waren offensichtlich schon zu Gast und haben sich mit Edding auf der Wand verewigt und eine Lederjacke spendiert, Doc Martens-Werbung, usw. Dazu lĂ€uft britische ’77 Punk- und Skin-Mucke. Ich fĂŒhle mich sofort zuhause und lerne dann auch den Chef kennen. Wir erkennen uns an unseren T-Shirts als Gleichgesinnte und kommen sofort ins GesprĂ€ch, Punkrock ist eine internationale Sprache.

Das Essen ist ausgezeichnet, Lei Jun erzĂ€hlt mir, dass alle ReisefĂŒhrer seine Nudelkreationen als Fusion-KĂŒche bezeichnen, er aber einfach zusammenmengt, was ihm schmeckt und auf die Karte setzt. Er vertreibt ausserdem eine feine Kollektion an einheimischen und auslĂ€ndischen Bieren, die er mir begeistert prĂ€sentiert. Wir sitzen ewig zusammen und trinken, irgendwann kommt eine ganzkörpertĂ€towierte junge Frau aus Russland namens Anna dazu, die fĂŒr ihren Reiseblog einen Bericht ĂŒber den Laden erstellt und wir philosophieren bis spĂ€t in die Nacht ĂŒber Punkrock. Ich freue mich, auch weil Lei Jun der erste Chinese ist, mit dem ich mich ĂŒberhaupt ordentlich verstĂ€ndigen kann, er spricht nĂ€mlich ein recht gutes Englisch.

Als ich irgendwann abgefĂŒllt bin, verabschiede ich mich und verspreche, morgen wiederzukommen. Ich wanke dann Richtung Hostel und gehe unterwegs in eine der unzĂ€hligen öffentlichen Toiletten. Die asiatischen Toiletten bestehen ja meistens nur aus einem Loch im Boden, damit habe ich keine Probleme, diesmal gibt es aber weder TrennwĂ€nde noch TĂŒren und so sehe ich als ich reinkomme zwei Chinesen am Boden kauern, die gerade am kacken sind. Der eine nickt mir noch zu, der andere schaut sich dabei einen Film auf seinem Smartphone an. Sachen gibts.

Peking 7 – Rumgammeln und Nationalmuseum

Die nĂ€chsten beiden Tage fasse ich zusammen, ich mache nĂ€mlich nicht wirklich viel: Am Samstagmorgen ziehe ich erstmal in mein neues Hostel um. Das hat den gleichen Standard wie das erste, ist aber ein wenig gĂŒnstiger und liegt mitten in einem coolen Hutong. Das Personal spricht kein Wort Englisch und als ich an der Rezeption fragen will, ob sie einen WĂ€scheservice haben, öffnet der Angestellte eine Übersetzungs-App auf seinem Smartphone und drĂŒckt mir dieses in die Hand. Haben sie nicht, zum GlĂŒck habe ich Rei in der Tube dabei und so mache ich nach dem Einchecken erstmal große WĂ€sche und hĂ€nge mein Zimmer mit den nassen Klamotten voll.

Ich gammele dann im Hostel rum und erkunde spĂ€ter die Gegend. Zu meiner grossen Freude ist Great Leap Brewing direkt um die Ecke. Es handelt sich hierbei um eine kleine Brauerei, die vor genau 4 Jahren von einem Amerikaner gegrĂŒndet wurde und die 20 verschiedene Biersorten vom Fass anbietet. Es gibt einen kleinen Innenhof, wo man schön sitzen kann und praktischerweise befindet sich direkt vor dem Eingang eine öffentliche Toilette.

Damit ist der Tag gelaufen, ich fange bei Sorte Nr. 1 an und arbeite mich bis zum Abend vor bis Nr. 6. Es gibt gut funktionierendes WLan und scharfes Knabberzeug umsonst und das Bier ist zum grĂ¶ĂŸten Teil ausgezeichnet, das reicht mir und ich erklĂ€re den Laden zu meinem Wohnzimmer.

Den Sonntagvormittag verbummele ich mit KaterbekĂ€mpfung und Lesen, spĂ€ter fahre ich nochmal los und schaue mir das Nationalmuseum am Tiananmen-Platz an. Der Eintritt ist kostenlos, es dauert aber ziemlich lang bis ich drin bin, weil man sich trotzdem ein Ticket holen muss, dabei wird der Pass kontrolliert und beim Eingang werden alle Besucher grĂŒndlich gefilzt. Mein Feuerzeug bekomme ich wieder mal abgenommen.

Das Museum ist wie erwartet riesengroß und ĂŒberfordert mich erstmal ein wenig. Ich habe weder die Zeit noch Lust, mir alles anzuschauen, gehe also selektiv vor. Zuerst schaue ich mir die Abteilung ArchĂ€ologie/Geschichte an, um das alles richtig wahrzunehmen, brĂ€uchte man schon mindestens einen ganzen Tag. Danach folgt eine Ausstellung von Geschenken, die Mao und seinen Nachfolgern von auslĂ€ndischen StaatsmĂ€nnern und -frauen gemacht wurden. Eigentlich ganz lustig, aber die Freundschaftsausstellung in Nordkorea ist der Maßstab und dagegen hat das hier keine Chance. Ich schau mir dann noch eine Sonderausstellung von afrikanischen Holzskulpturen und -masken an, die zu einem großen Teil aus Penissen und BrĂŒsten besteht und stelle danach fest, dass es bereits Abend ist und das Museum demnĂ€chst schliesst.

Zu Abend esse ich zur Abwechslung eine Pizza, die ziemlich gut ist, dann noch ein paar Absacker bei Great Leap Brewing und das wars.

Peking 6 – Sommerpalast

Heute steht ein weiteres Highlight an, der Besuch des Sommerpalastes. Zur Geschichte steht genug bei Wikipedia, das ganze war eine Art Sommerfrische fĂŒr den Kaiser und seinen Hofstaat wĂ€hrend der extrem heissen und schwĂŒlen Sommermonate in der Stadt. Auch hier ist wahnsinnig viel los, die meisten Besucher beschrĂ€nken sich jedoch auf den eigentlichen Palast und die nĂ€here Umgebung. Ich marschiere einmal komplett um den See und nach 10 Minuten habe ich erstmal meine Ruhe.

SpĂ€ter komme ich dann zum Palast, wo man mehrere ziemlich steile Treppen hochlĂ€uft und dann einen tollen Blick auf den See hat. Der Park mit mehreren berĂŒhmten BrĂŒcken und der Palast selbst sind sehr schön, allerdings merke ich, dass sich die Architektur sĂ€mtlicher historischer GebĂ€ude in der Stadt gleicht, so dass ich oft den Eindruck habe, das alles schon mehrmals gesehen zu haben.

Auf der anderen Seite des Berges geht es wieder runter und ich fahre zurĂŒck zum Hostel, setze mich vor die TĂŒr, trinke ein paar Bier und lese. Am Abend kann ich mich dann nochmal aufraffen und fahre nach Dongcheng, das ist die populĂ€rste Shopping-Gegend, wo es eine FußgĂ€ngerzone gibt, in der sĂ€mtliche Luxusmarken vertreten sind und schaue mir das Treiben an. Ausserdem gibt es dort einen Nachtmarkt, eine schmale Strasse, die von StĂ€nden gesĂ€umt ist, an denen es alle möglichen Tiere und Teile von Tieren zum Essen gibt. Die meisten Waren gibts am Spiess, das fĂ€ngt mit Fleisch und Innereien aller Art an, geht weiter mit Fisch, Tintenfisch, Muscheln und Krebsen und schliesslich auch jeder Menge Maden, Insekten, Skorpione, TausendfĂŒssler und sonstiges Krabbelgetier. Als Schauspiel interessant, essen möchte ich allerdings nichts. Manches sieht lecker aus, vor allem die Fleisch- und Tintenfisch-Spiesse, aber mir haben die drei Tage in Nordkorea gereicht, ich schone meinen Magen lieber. Leider sind die meisten Fotos verwackelt wie sich spĂ€ter herausstellt, im Dunkeln ist meine Kamera nicht zu gebrauchen.

Ich esse dann bei KFC und fahre zurĂŒck, nehme noch ein paar Absacker und falle ins Bett. Vorher kann ich endlich mal wieder duschen, denn ich hab wieder warmes Wasser.

Peking 5 – Verbotene Stadt

Ich wollte eigentlich frĂŒh aufstehen, schlafe aber ewig und komme deswegen erst gegen 10h in die GĂ€nge. Heute steht die Verbotene Stadt an, ich fahre also wieder zum Tiananmen-Platz, marschiere durch das Tor des Himmlischen Friedens mit dem berĂŒhmten Mao-Portrait und stelle erstmal fest, dass die Hölle los ist. Da heute ein gewöhnlicher Wochentag ist, nehme ich an, dass immer so viel los ist und beschwere mich nicht. Es wird ja ĂŒberall gerne ĂŒber die nervigen Touristen gelĂ€stert, ich mache das zuhause ja auch, weiss aber schon, dass es eigentlich Blödsinn ist. Touristen sollten ĂŒberall willkommen sein, da sie schliesslich Kohle ins Land bringen und hier bin ich auch nur einer, der die Einheimischen nervt, weil er stĂ€ndig stehenbleibt und fotografiert oder auf seine Karte schaut.

Ich bin erstmal etwas wirr, weil ich nicht weiss, wo ich mein Ticket kaufen muss, der Lonely Planet hilft aber und nach ca. 15 Minuten bin ich dann drin. Es gibt eine Menge zu sehen, ich habe ehrlich gesagt keine Lust, alles zu beschreiben. Ich besorge mir einen echt guten Audioguide: das GerÀt wird per WLan aktiviert, d.h. ich brauche keinem bestimmten Plan zu folgen, sondern marschiere einfach irgendwo hin und der Audioguide aktiviert sich von selbst und informiert mich in ziemlich wackeligem Deutsch was ich gerade sehe. Ich schalte das Teil dann auf Englisch um und das ist besser.

Die Verbotene Stadt ist bis jetzt das absolute Highlight in Peking, die Anlage ist riesengroß und in jeder Ecke gibt es was zu sehen und zu hören, beeindruckend, ein besseres Wort fĂ€llt mir nicht ein. Ein paar Zahlen von Wikipedia: Die GrundflĂ€che betrĂ€gt 720.000mÂČ, davon sind 150.000mÂČ bebaut, es befinden sich 890 GebĂ€ude mit insgesamt 8.886 RĂ€umen auf der Anlage.

Ich habe mir ja vorgenommen, mich nicht ĂŒber die Menschenmassen aufzuregen, aber was mir wirklich tierisch auf den Sack geht, ist die Angewohnheit der Chinesen, sich STÄNDIG gegenseitig vor allen möglichen Objekten zu fotografieren. Zu Anfang versuche ich noch, darauf RĂŒcksicht zu nehmen und weiche aus oder bleibe stehen und warte, nach kurzer Zeit ist es mir egal und ich laufe vors Objektiv. Der Fairness halber muss ich aber auch sagen, dass sich niemand deswegen beschwert.

Ich sehe unzĂ€hlige PalĂ€ste, Tempel, UnterkĂŒnfte der kaiserlichen Konkubinen, besichtige das Palastmuseum, wo alle möglichen SchĂ€tze ausgestellt sind und habe irgendwann nach ca. 5 Stunden genug, weil mein Kopf voll ist.

Danach bin ich auch fĂŒr den Tag bedient, ich habe keine Lust essen zu gehen und besorge mir in einem Supermarkt Brot, Tomaten und KĂ€se (zu einem horrenden Preis, die meisten Chinesen mögen keinen KĂ€se und sehen das Zeug als ‚verdorbene Milch‘ an). Zusammen mit ein paar Bieren kommt mir das Essen wie ein Festmahl vor. Duschen ist allerdings nicht drin, ich hab kein warmes Wasser.

Peking 4 – Zoo

Der Pekinger Zoo hat nicht den allerbesten Ruf, trotzdem will ich ihn mir anschauen, schon wegen den Großen Pandas, Chinas Wappentier. Die Chinesen sind ja Ă€usserst erfolgreich bei der Zucht dieser bedrohten Tiere und verschenken diese gerne ins Ausland. Im Berliner Zoo lebte bis 2012 Bao Bao, ein MĂ€nnchen, welches 1980 vom damaligen Regierungschef dem Kanzler Helmut Schmidt zum Geschenk gemacht wurde. Der Zoo selbst ist ziemlich groß und gut organisiert, die Tierhaltung allerdings grĂ¶ĂŸtenteils nicht wirklich schön. Ich beschrĂ€nke mich deswegen auf die Pandas, die fĂŒr meine Begriffe gut untergebracht sind. Der Rest der Tiere vegetiert mehr oder minder in traurigen Gehegen vor sich hin. Ich habe prinzipiell keine Probleme mit Zoos, sofern die Tiere so artgerecht, wie das in Gefangenschaft eben möglich ist, untergebracht sind und entsprechend betreut und beschĂ€ftigt werden. Ein gutes Beispiel ist eben der Berliner Zoo, wie es da aussieht und wie sich um die Tiere gekĂŒmmert wird, ist ja aus den Fernsehsendungen hinreichend bekannt. In Peking ist man davon leider noch weit entfernt.

Obwohl ich ja darauf vorbereitet war, verdirbt mir der Besuch etwas die Laune. Ich habe auch keine Lust Bus zu fahren, deswegen verzichte ich auf den Botanischen Garten, den ich mir eigentlich noch anschauen wollte. Ich fahre also zurĂŒck und marschiere einmal mehr durch Hutongs und spaziere einmal um den Houhei-See. Die Gegend um die Seen (es gibt noch den Qianhei-, Baihai- und einige andere Seen) dient den Pekingern als eine Art Naherholungsgebiet und ist extrem schön. DafĂŒr dass das alles mitten in der Stadt liegt, ist es sehr ruhig und die Luft ist gut. Irgendwo sehe ich ein Schild ‚German Bakery‘ und stĂŒrze sofort rein, leider ist das alles andere als german. Der Laden entpuppt sich als ein (zugegeben hĂŒbsches) Cafe, das einzige was ich finde ist ein einsames Heidelbeer-Muffin.

Trotzdem verbringe ich einen schönen Nachmittag, spĂ€ter fahre ich zum Hostel und esse, nach meinem gestrigen Reinfall, bei McDonalds zu abend. Ich gehe ziemlich frĂŒh schlafen, ausnahmsweise ohne Bier zu trinken und nehme mir vor, morgen die Verbotene Stadt in Angriff zu nehmen.

Peking 3 – Himmelstempel

Heute bin ich frĂŒher auf den Beinen und schaue mir zuerst den Himmelstempel und den zugehörigen Park an. In dem Tempel wurde fĂŒr eine gute Ernte gebetet, deswegen haben die GebĂ€ude auch so blumige Namen wie ‚Halle des Erntegebetes‘ oder ‚Halle des Himmelsgewölbes‘. Der Park ist ziemlich groß und total schön. Es ist noch frĂŒh, die Sonne scheint und ĂŒberall sind Chinesen beim FrĂŒhsport zu sehen: Ein paar Leute machen Tai Chi, viele spielen eine Art Hacky Sack, mit einem Ding, was aussieht wie ein Federball und alle sind extrem geschickt damit. Ich werde von einer Gruppe Ă€lterer Damen und Herren zum Mitspielen eingeladen, versage aber komplett und ernte GelĂ€chter. Ein anderer Typ hat eine Handvoll Stoffringe und wirft sie vier Personen zu, die in einem Abstand von vielleicht 10 Metern stehen und die die Ringe mit dem Kopf auffangen. Danach werfen sie die Teile zurĂŒck und er fĂ€ngt sie alle ebenfalls mit dem Kopf auf. Dann gibt es noch verschiedene Musiker und Viele, die ein Brettspiel spielen, scheint so eine Art MĂŒhle zu sein. So verbringe ich den Vormittag und mache dann Station im Hostel.

SpĂ€ter fahre ich mit der U-Bahn zum OlympiagelĂ€nde, wo das berĂŒhmte Stadion steht, welches u.a. von dem KĂŒnstler Ai Weiwei entworfen wurde. Das GelĂ€nde ist riesig, gefĂŒhlt grĂ¶ĂŸer als der Tiananmen-Platz und beeindruckt mich auch mehr, vielleicht weil weniger los ist. Neben dem markanten Stadion gibt es noch einige andere GebĂ€ude, darunter das nationale Schwimmzentrum. Das ist bei Tageslicht nicht wirklich eindrucksvoll, ich nehme mir vor, spĂ€ter nochmal im Dunkeln herzukommen, verpeile das allerdings.

China hat damals die kompletten Einrichtungen fĂŒr die Spiele in Rekordzeit errichtet, es gab, auch wegen der Vergabe an China ĂŒberhaupt, jede Menge Kritik. Heute stehen die GebĂ€ude zum grĂ¶ĂŸten Teil leer und werden nicht genutzt, das Stadion wurde seit dem Ende der Spiele angeblich nur ein einziges Mal fĂŒr eine Veranstaltung genutzt. Der Unterhalt ist zu teuer, so dass vieles schon langsam anfĂ€ngt zu verfallen und man verzweifelt Sponsoren sucht. Trotzdem ist die Anlage schön anzusehen, wĂ€hrend meines Aufenthaltes fahren die Teilnehmer eines Radrennens vorbei, weswegen an der Strasse jede Menge begeisterte Zuschauer stehen.

Auf dem Weg zurĂŒck mache ich am Lama-Tempel Yonghe Station. Die Anlage ist ziemlich cool, sie besteht aus fĂŒnf nacheinander angeordneten Hallen, jede grĂ¶ĂŸer als die vorhergehende, in der letzten Halle steht die weltgrĂ¶ĂŸte hölzerne Buddha-Statue, die 26m hoch ist und aus einem einzigen Sandelholzbaum geschnitzt ist. NatĂŒrlich darf man in den Hallen mal wieder nicht fotografieren.

Damit habe ich genug fĂŒr heute und ich beschliesse auch, ab morgen etwas langsamer zu machen, ich habe ja noch 9 komplette Tage, da muss ich nicht hetzen. Ich fahre also zurĂŒck und gehe zum Essen in ein kleines Restaurant um die Ecke, wo mich das Essen einmal mehr enttĂ€uscht. Die GewĂŒrze und der SchĂ€rfegrad der Gerichte, die ich wĂ€hrend der gesamten Zeit hier esse sind eigentlich ok, aber zum einen ist alles extrem fettig gekocht und zum anderen mögen die Chinesen ihr Fleisch offensichtlich gerne schlabberig. Selbst die frittierten Sachen sind zwar aussen knusprig, aber innen trotzdem glibberig. Und wenn ich das Fleisch weglasse, schaffen sie es, auch das GemĂŒse glibberig und schleimig zu bekommen. Mit der entsprechenden Menge Bier bekomme ich aber alles runter.