Tokio 7

Letzter Tag. Auch wenn ich nicht besonders scharf drauf bin, wieder arbeiten zu mĂŒssen, freue ich mich doch ein wenig auf zuhause, die eigene Wohnung, das eigene Bett. Dass die T-Shirt – Zeit in Berlin lange vorĂŒber ist, verdrĂ€nge ich. Meine erste Aktion nach dem Aufstehen ist der Checkin, ich kann fĂŒr beide FlĂŒge relativ gute SitzplĂ€tze ergattern. Das ist nicht selbstverstĂ€ndlich, konnte ich fĂŒr die Costa Rica – FlĂŒge im FrĂŒhjahr, ebenfalls mit Air France / KLM, noch Wochen vorher die PlĂ€tze auswĂ€hlen, ist das mittlerweile kostenpflichtig. Erst 30 Stunden vor Abflug, also beim Online-Checkin, kostet die Platzwahl nichts.

Ich habe heute nichts besonderes mehr vor außer ein paar Mitbringsel zu kaufen, also suche ich mir im Lonely Planet ein paar passende LĂ€den aus und nehme mir vor, diese abzuklappern. Das wird nochmal eine schöne kleine Rundreise, die mich in Gegenden fĂŒhrt, wo ich noch nicht war. Ich starte mit Tokyu Hands bei Sunshine City, das ist eigentlich ein ganz normales Kaufhaus, wie Karstadt etwa, aber da wir in Japan sind, gibt es auch dort jede Menge herrlich unnötiger Dinge. Das gesuchte SpinnenkostĂŒm fĂŒr Maggie finde ich allerdings nicht.

Ich versuche es in Takeshita-Dori. Abgesehen von dem lustigen Namen enthĂ€lt diese Straße so ziemlich alles, was man sich als EuropĂ€er unter japanischer Jugendkultur vorstellt, es ist laut, grell, bunt, völlig durchgeknallt, aber dabei so schön harmlos, dass es einfach nur niedlich ist. Ich finde kein HundekostĂŒm, dafĂŒr aber lustigen Blödsinn und mache eine Menge Fotos. NĂ€chste Station ist Roppongi. Hier gibt es nichts zu kaufen, die Gegend um den Midtown Tower ist sozusagen das Designer-Viertel von Tokio. Dementsprechend stylisch sieht alles aus, im Untergrund sind Werke von Nachwuchdesignern ausgestellt, die bewertet werden können, irgendwo draußen hat jemand große Kakteen in Luftballons eingepackt. Die Leute hier sehen viel seriöser und versnobter aus als das Takeshita-Volk und es sind fĂŒr meinen Geschmack eindeutig zu viele Hipster unterwegs.

Bevor ich wieder verschwinde fahre ich aber auf das Observation Deck im 42. Stock des Mori Tower, damit ich wenigstens einmal Tokio von oben sehe. Mount Fuji ist trotz relativ klarem Himmel nicht zu sehen, aber das Panorama ist auch so beeindruckend. Außer dem Rundumblick gibt es eine Ausstellung namens „Fear and Fantasy in the Metropolis“, wo alle möglichen japanischer Filmmonster von Godzilla bis keine Ahnung, teilweise vor Modellen der Stadt, gezeigt werden. Sehr lustig und passend. In der Bar gönne ich mir einen Gin Tonic als Vorspeise. UrsprĂŒnglich wollte ich noch zu den Docks fahren und mir die Freiheitsstatuen-Kopie anschauen, aber ich habe keine Lust mehr und gehe lieber Ramen essen. Obwohl ich es ja die letzten Tage gemĂŒtlich angehen wollte, tun mir die FĂŒĂŸe vom vielen Laufen weh, ich fahr also nach dem Essen zurĂŒck ins Hotel und mach Siesta.

Wie ĂŒblich ist danach der Tag so gut wie gelaufen. Ich besorge mir noch ein Ticket fĂŒr den Skyliner-Zug, der mich morgen frĂŒh zum Flughafen bringt und gehe in den gleichen Sushi-Laden wie gestern, weil es mir dort so gut geschmeckt hat und natĂŒrlich wegen dem kleinen Express-Zug. Ich nehm noch ein paar Abschieds-Biere in einer kleinen Bar um die Ecke und dann ins Hotel. Ein letztes Mal Bilder sortieren und Blog-Post einstellen, Packen und Gute Nacht.

Tokio 6

Ich schlafe in dieser Nacht logischerweise wie ein Stein und bin mal wieder frĂŒh wach. FĂŒr heute habe ich mir noch eine Sache aufgehoben, den Kaiserpalast und den zugehörigen Park/Garten. Ich fahre also zuerst nach Sugamo, wo mein letztes Hotel ist, deponiere meinen Kram in einem Schliessfach und mache mich mit leichtem GepĂ€ck auf den Weg. HĂ€tte ich mich vorher informiert, hĂ€tte ich auch gewusst, dass die Besichtigung des Palastes nur mit Voranmeldung funktioniert. Immerhin darf ich den Palastgarten besuchen, das reicht auch aus, um mich zwei Stunden zu beschĂ€ftigen.

Ich bummele dann noch eine Weile in der schicken Gegend um die Tokio-Stationrum, dann fahre ich zurĂŒck Richtung Hotel. Ich esse in einem Curry-Restaurant namens „Co Co Curry House“ zu Mittag. Die japanische Curry-Version hat nicht allzuviel mit Indien zu tun, die Sauce ist vielmehr eine Art Bratensauce mit viel Currypulver gewĂŒrzt. Hört sich merkwĂŒrdig an, schmeckt aber nicht schlecht. Nachdem ich mein Gericht ausgewĂ€hlt habe, eine Art großes und ich Streifen geschnittenes Chicken-Nugget, muss ich mich noch zwischen 6 PortionsgrĂ¶ĂŸen und ebenso vielen SchĂ€rfegraden entscheiden, Stufe 3 treibt mir den Schweiss auf die Stirn.

Langsam wird es Zeit im Hotel einzuchecken, ich habe mir fĂŒr den Abschluss ein etwas besseres Haus geleistet. Ich hole meinen Rucksack aus dem Schliessfach und liege eine Stunde spĂ€ter frisch geduscht in einem sauberen Bett in einem großen Zimmer, was fĂŒr eine Wohltat. Der Bier-Automat befindet sich direkt neben meiner ZimmertĂŒr, noch besser. Ich nutze die Zeit und sortiere mein Zeug, die dĂ€mliche Armschlinge, die nur Platz im Rucksack weggenommen hat, habe ich schon in Sapporo entsorgt, heute folgen eine Menge Papier, der 2,99€ – Daypack von Decathlon, den ich genau zweimal benutzt habe, ein olles T-Shirt und ein Paar löchriger Socken. Schon ist mein Rucksack viel gerĂ€umiger.

Ich kann aber heute nicht schon wieder um 21h ins Bett gehen, deswegen mache ich mich nochmal auf den Weg und suche eine Bar. Das ist ĂŒbrigens gar nicht so einfach, denn ’nur‘ zum Trinken gehen die Japaner nicht aus, ein Abend ist fast immer auch mit gemeinsamem Essen verbunden. Deswegen wird in den allermeisten LĂ€den erwartet, dass man zumindest eine Kleinigkeit isst, worauf ich keine Lust habe, ich bin immer noch satt von dem Curry-Huhn heute Mittag.

Dieser Plan geht aber schnell zur Hölle und eine halbe Stunde spĂ€ter sitze ich in einem Sushi-Restaurant. In eine Bar gehen kann ich auch zuhause, aber so gutes Sushi bekomme ich in Berlin nicht. Der Laden ist großartig: die haben nicht nur ein Förderband, von dem man sich bedienen kann, zusĂ€tzlich hat jeder Platz einen Touchscreen, auf dem man ExtrawĂŒnsche bestellen kann. Diese Bestellungen kommen dann eine Etage ĂŒber dem Förderband mit einem kleinen Shinkansen an den jeweiligen Platz gefahren. Das ist so cool, dass ich gar nicht aufhören kann zu bestellen. Schließlich wanke ich den Bauch voller Sushi ins Hotel und mache das, was ich eigentlich vermeiden wollte, ich falle gegen 21:30h ins Bett.

Tokio 5

Ich liege noch keine 10 Minuten in meiner Raumschiff-Koje, da beschliesse ich, dass eine Nacht mehr als genug ist. Die GĂ€ste sind rĂŒcksichtsvoll, jeder versucht, so leise wie möglich zu sein, aber letzten Endes ist es auch nicht anders, als im Dorm zu schlafen und Menschen machen nun mal GerĂ€usche beim Schlafen. Ich mit Sicherheit auch, wegen meiner Schulter bin ich zum RĂŒckenschlafen gezwungen, dazu bin ich seit meiner Fahrradtour um den Tazawa-See leicht erkĂ€ltet, eine Kombination mit Schnarchgarantie. Wie auch immer, ich buche sofort fĂŒr die kommende Nacht ein Hotelzimmer, zwar in einer ziemlichen Absteige, dafĂŒr aber ein eigenes Zimmer. Zur Ehrenrettung des Kapselhotels muss ich sagen, dass die Unterkunft schon in Ordnung ist, die Duschen und Toiletten sind extrem sauber, das Personal freundlich und die ĂŒbrigen GĂ€ste ebenfalls. Wer also nicht so einen leichten Schlaf wie ich hat, ist dort vielleicht auch gut aufgehoben, zumal es konkurrenzlos gĂŒnstig ist, fĂŒr mich ist es nichts.

Gegen 6h stehe ich auf, geschlafen habe ich wenig, bis ich fertig bin dauert es eine ganze Weile. Zum FrĂŒhstĂŒck habe ich heute keine Lust auf japanisch, deswegen kaufe ich mir in einer französischen BĂ€ckerei zu einem horrenden Preis ein kleines Baguette und (noch teurer) ein StĂŒck KĂ€se. Ich bin völlig begeistert von dem Essen hier, aber es gibt genau zwei Dinge, die ich vermisse und das sind gutes Brot und KĂ€se. Das Wetter ist heute Vormittag nicht so toll, deswegen gehe ich nach drinnen, in das das Museum fĂŒr Naturwissenschaft und Technik. Das liegt im Ueno-Park, um die Ecke vom Nationalmuseum, welches ich vor zwei Wochen besucht hatte. Im Park selbst werden jede Menge Buden aufgebaut, Plakate kĂŒndigen irgendein Festival an, das heute beginnt, außer dem Datum kann ich aber auf den Plakaten nichts entziffern, keine Ahnung um was es geht.

Das Museum ist toll, riesengroß, modern, interaktiv und ich hĂ€tte sicher noch eine Menge dazugelernt, hĂ€tte es mehr als nur rudimentĂ€re ErklĂ€rungen in Englisch gegeben. Und ich wĂ€re sicher auch lĂ€nger geblieben, wĂ€re es nicht, wie zu erwarten war, voller schreiender und nervender Kinder gewesen. Es ist ja schön, wenn man Kindern versucht, Naturwissenschaften nĂ€her zu bringen und das Museum ist dazu auch wirklich gut geeignet, mich nervt es trotzdem. Man sollte fĂŒr Museen, SchwimmbĂ€der, Kinos, etc. grundsĂ€tzlich kinderfreie Tage einfĂŒhren. An einem Tag pro Woche, oder von mir aus pro Monat, darf keiner rein, der nicht mindestens 18 Jahre alt ist.

Das Fest im Ueno-Park entpuppt sich als eine etwas merkwĂŒrdige Mischung aus Kunstgewerbemarkt und Bonsai-Ausstellung und ist nicht wirklich interessant. Mein nĂ€chster Weg fĂŒhrt mich zum Sky Tree, allerdings nur zur Basis, fĂŒr gut 30,- € bei bewölktem Himmel hochfahren mag ich nicht. Mittlerweile ist es Zeit zum Umziehen in das richtige Hotel, also packe ich schleunigst meine Sachen im Kapselhotel zusammen und los, unterwegs esse ich noch Sushi in einem Förderband-Restaurant.

Das Hotel liegt in einem ruhigen Wohngebiet, ist winzig, mein Zimmer ebenso, aber alles ist schön und der Besitzer ist sehr nett. Mein Kopfkissen hat einen Disney – Bezug. Ich schaue mich noch ein wenig in der Gegend um, aber allzuviel gibts hier nicht. Ist mir recht, heute Abend will ich meine Ruhe haben.

Tokio 4

leicht angeschiggert gehe ich los Richtung Ueno-Park, hier war ich am Anfang meiner Reise schonmal. Am Weiher hat eine KĂŒnstlertruppe unzĂ€hlige große, weisse Ballons aufgehĂ€ngt und aus Lautsprechern tönt dĂŒstere Musik, zusammen mit der DĂ€mmerung eine tolle Stimmung. Das gefĂ€llt mir. Ich laufe einmal komplett um den See, der zur HĂ€lfte dicht mit Lotospflanzen bedeckt ist, dann muss ich flĂŒchten weil mich die Moskitos attackieren.

Ohne bestimmtes Ziel laufe ich planlos in eine Richtung und lande irgendwann im Akihabara-Viertel, wo ich auch schonmal war. Ich schaue mir das Treiben eine Weile an, dann mache ich mich auf den RĂŒckweg. Unterwegs trinke ich noch ein Bier, esse eine SchĂŒssel Ramen und ziehe mich dann irgendwann in meine Kapsel zurĂŒck. Ich stelle mir vor, ich befinde mich an Bord eines Raumschiffes Richtung Mars und höre zum Einschlafen dazu passend ein paar Kapitel von „Der Marsianer„.

 

Niigata – Tokio

Um 6:00h klingelt mein Wecker, ein kurzer Blick nach draußen zeigt Regen und meine PlĂ€ne bzgl. Fischmarkt sind gestorben. Ich schlafe weiter. Zwei Stunden spĂ€ter scheint die Sonne und ich mache mich, damit ich den kleinen Umweg ĂŒber Niigata nicht völig umsonst gemacht habe, zu einem Spaziergang Richtung KĂŒste auf. Die knapp vier Kilometer sind jetzt nicht besonders aufregend, machen mich aber wach und ich sehe zum letzten Mal das Japanische Meer. ZurĂŒck fahre ich mit dem Bus und dann sitze ich auch zum letzten Mal im Shinkansen. Bis Tokio dauert es nur knapp zwei Stunden, ich geniesse die Fahrt und kann direkt in der Station Uena aussteigen, mein Kapselhotel fĂŒr die kommenden beiden NĂ€chte liegt um die Ecke.

Ich habe die zurĂŒckgelegte Gesamtstrecke nicht ausgerechnet, schĂ€tze aber, dass es irgendwas zwischen 3 und 4.000km waren, das ist fĂŒr 14 Tage mehr als genug. Ich merke auch, dass ich solangsam jenen Punkt erreiche, der bei fast jeder Reise irgendwann eintritt, an dem mein Kopf einfach voll ist. Ich werde also die restlichen Tage in Tokio mehr bummeln als Sightseeing machen, was nicht heisst, dass ich mir garnichts mehr anschaue, nur eben alles ein StĂŒck gemĂŒtlicher.

Ich checke im Kapselhotel ein, das ist alles sehr interessant: ich muss meine Schuhe am Eingang einschliessen, im Innern darf man sich nur mit Pantoffeln bewegen. Bezahlt wird in bar, dann bekomme ich einen SchlĂŒssel. Der ist fĂŒr einen winzigen Spind, die Kapseln selbst können nicht abgeschlossen werden. Mein Sarg befindet sich in der zweiten Etage im oberen Bereich, d.h. ich muss eine kleine Leiter hochsteigen und unter mir schlĂ€ft jemand anderes. Die Kapsel selbst enthĂ€lt nicht viel, ein kleiner Fernseher mit einem einzigen Programm ist fest eingebaut, ansonsten habe ich eine kleine Ablage und diverse Knöpfe, um Licht, Fernseher, Uhr, Radio und Klimaanlage zu bedienen. Geschlossen wird das Ding mit einer Jalousie. Ich muss ein letztes Mal Klamotten waschen, muss aber bei der Maschine warten, weil der Raum fĂŒr alle zugĂ€ngig ist; ich kippe mir aus reiner Langeweile dabei drei Bier aus dem GetrĂ€nkeautomaten rein. Als der Kram endlich fertig ist, deponiere ich einige Klamotten in der Kapsel, weil ansonsten mein Rucksack nicht in den Spind passt und verschwinde wieder.

 

Sapporo – Niigata

Mein Railpass ist noch gĂŒltig bis morgen um Mitternacht, ich muss also schauen, dass ich mich in Richtung Tokio bewege. Es gibt noch einige interessante Ziele auf der Strecke, z.B. Aizu-Wakamatsu oder Sendai, allerdings finde ich in sĂ€mtlichen in Frage kommenden StĂ€dten keine auch nur annĂ€hernd bezahlbaren Hotels, also beschliesse ich, fast die komplette Strecke an einem Tag zu fahren und noch eine Nacht in Niigata zu verbringen. Die Stadt ist nichts besonderes, liegt aber immerhin am Meer, ich gehe also davon aus, dass es dort einen Fischmarkt gibt. Von Niigata sind es nur noch knapp zwei Stunden bis Tokio, d.h. ich kann noch fast einen Tag dort verbringen und spĂ€t am Abend zurĂŒck in die Hauptstadt fahren.

FĂŒr die letzten beiden NĂ€chte in Tokio hatte ich schon von zuhause ein Hotel gebucht, bleiben also noch zwei NĂ€chte. Da ich das unbedingt auch mal ausprobieren möchte, buche ich fĂŒr diese NĂ€chte ein Kapselhotel, ich entscheide mich wegen der tollen Lage fĂŒr dieses. Ich leide nicht unter Klaustrophobie, werde also keine Probleme damit bekommen und bin gespannt.

Ich verbringe also heute den ganzen Tag im Zug, dank abwechslungsreicher Landschaft draußen und einem randvollen Kindle innen wird mir aber nicht langweilig, zwischendurch verbringe ich zwei Stunden im Halbschlaf. Es passiert nichts erwĂ€hnenswertes, außer dass irgendwann beim Umsteigen ein vor mir laufender GeschĂ€ftsmann im feinen Anzug so laut furzt, dass ich es durch den Kopfhörer mit richtig lauter Asi-Musik noch höre. Ich kann mich nicht beherrschen und fange an zu lachen, aber außer mir findet das keiner lustig. 

Ich bin unterwegs von 8:30h bis 19h und nach so langem Rumsitzen ist am Abend nichts mehr mit mir anzufangen. Bier will ich ja heute nicht, also bin ich mal wieder frĂŒh im Bett und nehme mir vor, morgen frĂŒh den Fischmarkt zu suchen.

Sapporo

Ich habe gestern vergessen, die VorhĂ€nge zuzuziehen und so werde ich heute frĂŒh von der Sonne geweckt, die mir genau ins Gesicht scheint, sehr angenehm. Ich stelle fest, dass es gerade mal 6:45h ist. Trotzdem bin ich wach, also mache ich mich langsam fertig, frĂŒhstĂŒcke (wesentlich besser als gestern) und laufe los. Die Innenstadt von Sapporo ist, Ă€hnlich wie Kyoto, schachbrettartig angelegt, wobei der Odori-Park die horizontale und der Sƍsei-Gawa, ein Kanal, die vertikale Achse bildet, mit dem Fernsehturm im Brennpunkt. Die Straßen sind interessanterweise nach Nummern, bezogen auf dieses Koordinatensystem benannt, d.h. eine Adresse wĂ€re z.B. Nord 2 West 3. Dadurch ist es auch fĂŒr Orientierungs-Legastheniker wie mich unmöglich, sich zu verlaufen.

Mein erstes Ziel ist der Botanische Garten der UniversitĂ€t, der ganz nett, aber keine besondere Attraktion ist. Interessant ist ein kleines Museum auf dem GelĂ€nde, welches sich mit der Geschichte der Ainu, einem nordjapanischen Urvolk, beschĂ€ftigt. Die Ainu wurden von den Japanern in der gleichen Weise behandelt, wie alle Nationen im letzten Jahrhundert mit ihren „Eingeborenen“ umgingen, d.h. sie wurden in jeder Hinsicht ihrer IdentitĂ€t beraubt. Erst 2008 (!) erhielten die Ainu von der japanischen Regierung den offiziellen Status eines indigenen Volkes. Wie ĂŒblich gibt es im Museum wieder mal keinerlei ErlĂ€uterungen in Englisch, also schaue ich mir halt die Alltags- und KultgegenstĂ€nde an und verschwinde dann wieder.

Ein kleiner Zwischenstop am Bahnhof um meine Weiterreise zu reservieren, dann komme ich am berĂŒhmten Clock Tower vorbei und verstehe nicht, was daran so toll sein soll, dass sich alle davor fotografieren mĂŒssen. SpĂ€ter lerne ich, dass das GebĂ€ude Platz 3 auf der Liste der „most disappointing tourist attractions“ in Japan belegt. Weiter gehts zum Sapporo Biermuseum. Diesmal werde ich nicht enttĂ€uscht wie bei der Yebisu-Brauerei. Ich habe keine Tour gebucht, da die nur auf japanisch abgehalten wird, man kann aber auf eigene Faust durch die Brauerei laufen, wo es (auch englische) Infos zur Geschichte des Unternehmens und zur Entwicklung der verschiedenen Biersorten gibt. Lustig auch die Werbeplakate von 1900 bis heute. Die Brauerei wurde im Jahre 1876 von Seibei Nakagawa gegrĂŒndet, nachdem er in Deutschland Bier und Bierkultur kennengelernt und dann in einer Berliner Brauerei das Handwerk gelernt hatte. Im Erdgeschoss gibt es natĂŒrlich einen Ausschank, ich gönne ich mir eine kleine Auswahl und habe gegen 12h einen sitzen, schliesslich bin ich im Urlaub. ZurĂŒck ins Hotel, Siesta. Ich denke mir dass es jetzt auch nicht mehr drauf ankommt und trinke noch zwei Bier, wobei ich jetzt schon weiss, das das keine gute Idee ist.

Ich schlafe ein paar Stunden und bin danach auch wieder nĂŒchtern, aber natĂŒrlich bin ich jetzt zu mĂŒde und zu verpeilt, um noch irgendwas auf die Reihe zu kriegen. Ich laufe los mit dem Ziel, irgendwo was essen zu gehen und merke, nachdem ich eine gute Stunde in der Gegend rumspaziert bin, dass ich meinen Geldbeutel im Hotel gelassen habe. Ich muss trotz allem lachen und kapituliere, gehe zurĂŒck ins Hotel, trinke noch mehr Bier und nehme mir vor, morgen einen alkoholfreien Tag einzulegen.

Kakunodate – Sapporo

Heute frĂŒh regnet es, das dritte Mal in fast drei Wochen, das ist ein ziemlich guter Schnitt. Damit mir nicht das selbe wie gestern passiert, marschiere ich zuerst zum Bahnhof und reserviere mir SitzplĂ€tze fĂŒr meine Fahrt nach Sapporo. Die wird ziemlich lange, ich werde bis 16h unterwegs sein. Die Reservierungen sind schnell erledigt, dann zurĂŒck ins Hotel. Das FrĂŒhstĂŒck ist furchtbar, mit einer Ausnahme, ich traue meinen Augen nicht, als ich einen Korb voller frischer Laugenbrötchen sehe. Ich esse vier.

Ich muss heute zweimal umsteigen, zuerst in einem Kaff namens Morioka, von dort gehts dann immer nach Norden und schliesslich durch den mehr als 50km langen Seikan-Tunnel, einem der lĂ€ngsten der Welt, nach Hokkaido. Dort muss ich in Hakodate in einen Bummelzug umsteigen, leider ist Sapporo noch nicht an das Shinkansen-Netz angeschlossen. Diese letzte Etappe dauert nochmal gut vier Stunden. Irgendwann, noch auf der zweiten Etappe, fahren wir bei grauem Himmel und Regen in einen etwas lĂ€ngeren Tunnel und kommen bei blauem Himmel und Sonnenschein auf der anderen Seite wieder raus. Großartig. Auf Hokkaido ist das Wetter dann allerdings wieder schlechter. Die letzte Strecke nach Sapporo zieht sich. Die Gegend vor dem Fenster ist zwar schön anzusehen, aber wenig abwechslungsreich, da die Schienen ĂŒber eine lĂ€ngere Strecke entlang der KĂŒste fĂŒhren und ich so nur das Meer sehe.

Endlich landen wir in Sapporo, ich muss drei Stationen U-Bahn fahren, dann bin ich im Hotel. Der Rest des Tages geht drauf mit WĂ€sche waschen, Bilder sortieren, Blog-Schreiben und Überlegen, was ich mit den restlichen drei noch nicht verplanten Tagen anfange, erschwert durch das grausam langsame WLan. Als alles erledigt ist, kann ich mich nicht mehr aufraffen und bleibe im Hotel. Morgen werde ich dann frĂŒh fit sein und habe den Tag fĂŒr Sapporo

Kakunodate / Lake Tazawa

Heute schaffe ich es fehlerfrei bis nach Tokio, dort stelle ich fest, dass der Zug in den Norden nur reservierungspflichtige PlĂ€tze enthĂ€lt. Ich muss mir also noch eine Reservierung besorgen, was fĂŒr Railpass-Inhaber kostenlos ist, ich aber bisher nie gemacht hatte. Dadurch verpasse ich den Zug, bekomme aber noch einen Platz im nĂ€chsten, der genau eine Stunde spĂ€ter fĂ€hrt. Ich fahre nicht bis Kakunodate, sondern steige ein Station frĂŒher in Tazawako aus, von dort fahren nĂ€mlich die Busse zum See. Der Zug ist etwas neuer noch komfortabler als alle vorher, die Sitze sind bequemer und alles sieht etwas luxuriöser aus, Bahnfahren macht wirklich Spass hier.

Kurz nach 14h komme ich an und sitze dann eine halbe Stunde spĂ€ter im Bus, der mich zum Seeufer bringt. Ich miete mir bei einer lustigen alten Dame ein Fahrrad und beschliesse, einmal rund um den See zu fahren, das tut mir nach der gestrigen Bierprobe (der noch ein paar mehr Bier im Hotel folgten) gut. Es sind etwa 20km, eigentlich eine Spazierfahrt, aber mit diesem Rad bin ich nicht besonders schnell. Dazu kommt, dass ich zurĂŒck sein muss bevor es dunkel wird, weil das Licht nicht funktioniert. Ich brauche inklusive Fotopausen zwei Stunden, dann verschwindet auch die Sonne. Als letzter Besucher sitze ich dann einsam an der Haltestelle und hoffe, dass der Bus auch kommt. Doch ich bin in Japan, also kommt der Bus natĂŒrlich und dazu auf die Minute pĂŒnktlich. ZurĂŒck in Tazawako muss ich noch eine gute halbe Stunde auf meinen Zug warten, bis ich dann endlich am Hotel bin und einchecken kann ist es fast 19h und ich habe mĂ€chtig Hunger, weil ich seit dem FrĂŒhstĂŒck im Zug nichts mehr gegessen habe.

In dem laut Wikipedia immerhin 40.000 Einwohner starken Ort herrscht allerdings Totentanz. Ich finde keine Bar, kein Restaurant, nichts. Nachdem ich gefĂŒhlt eine Stunde lang durch ausgestorbene Straßen gelaufen bin, finde ich wenigstens einen Supermarkt, der geöffnet ist. Ich kaufe einen Berg Essen, den ich im Hotel in Rekordzeit vernichte und falle danach mehr oder weniger bewegungslos ins Bett.

Nagoya

als um 6:30h der Wecker klingelt, sehe ich draußen blauen Himmel, das weckt mich trotz wenig Schlaf auf. Ich mache mich in Rekordzeit fertig und schaffe es so, noch das FrĂŒhstĂŒck im Hotel mitzunehmen und trotzdem Punkt 7:56h in den Shinkansen nach Shin-Kobe zu fallen. Die Fahrt nach Nagoya dauert mit einmal umsteigen knapp 5 Stunden, ich habe also eine Menge Zeit, mir zu ĂŒberlegen, wo ich noch hin will. Ich bin ein wenig unschlĂŒssig, denn ich habe morgen nochmal knapp 6 Stunden Zugfahrt bis Kakunodate vor mir und von dort aus wĂ€re es nochmal so lange bis Sapporo, was bedeuten wĂŒrde, dass ich dann zurĂŒck nach Tokio gut 8 Stunden brauchen wĂŒrde. So angenehm das Fahren in den Shinkansen ist, ich möchte natĂŒrlich lieber was sehen als so lange im Zug zu sitzen und dummerweise fahren die Dinger nicht ĂŒber Nacht. Andererseits, genau dafĂŒr habe ich den Railpass ja gekauft und ich möchte Sapporo gerne sehen (nicht nur wegen der gleichnamigen Brauerei), also werde ich die Entscheidung davon abhĂ€ngig machen, ob ich dort ein schönes und gĂŒnstiges Hotel finde.

Nagoya ist nichts Besonderes und hat keine besonderen SehenswĂŒrdigkeiten zu bieten, ich habe die Stadt nur deswegen gewĂ€hlt, weil sie (die Fahrzeit betrachtet) die Strecke nach Kakunodate halbiert und auf einem Drittel der Strecke nach Sapporo liegt. Aber es gefĂ€llt mir hier. Ich bringe schnell mein Zeug ins Hotel und marschiere los, nach dem Gammeltag gestern ist mir heute nach laufen. Ich gehe mehr oder weniger die Strecke zurĂŒck zum Bahnhof, die ich auf dem Weg zum Hotel mit der Bahn zurĂŒckgelegt habe. Unterwegs sehe ich jede Menge lustiger Dinge: zuerst stolpere ich bei dem Fernsehturm in eine Art Volksfest, es stehen ĂŒberall Fressbuden rum, es gibt einen Flohmarkt und auf einer BĂŒhne spielt eine Band. Ich kaufe mir an einem Stand was zu essen, ich weiss nicht was es ist, aber es sieht lecker aus und entpuppt sich als eine Art herzhafter Pfannkuchen, gefĂŒllt mit Nudeln, Kohl und irgendwelchem Fleisch, oben liegt ein Spiegelei drauf. Ich finde spĂ€ter raus, dass sich das Ding Okonomiyaki nennt. Geschmeckt hat es jedenfalls.

Direkt neben dem Fernsehturm befindet sich der Busbahnhof ‚Oasis 21‚, ein futuristisches GebĂ€ude, das aussieht wie ein Ufo, das oberste Deck des Ufos ist begehbar und durch das Wasser des Springbrunnens in der Mitte kann man geschĂ€tzt 30 Meter nach unten blicken, sehr schön. Ich gehe weiter und lande mitten in einem Umzug. Ich habe keine Ahnung um was es geht, aber es ist voll, laut, bunt und lustig. In etwa wie ein japanischer Karneval der Kulturen. Auf Mickey Mouse folgen Samurais, gefolgt von musizierenden Geishas und jede Menge sonstiger Folklore bzw. Kitsch. Irgendwann bin ich wieder am Bahnhof und fahre zurĂŒck zum Hotel, wo ich mittlerweile einchecken kann. Dieses Hotel ist verhĂ€ltnismĂ€ssig teuer und eine Klasse besser als meine sonstigen Absteigen, war trotzdem das gĂŒnstigste was ich gefunden hatte. Personal und GĂ€ste mustern mich. Ich mache kurz Siesta und buche schliesslich fĂŒr zwei NĂ€chte ein Hotel in Sapporo.

Am Abend fahre ich nochmal los und lande in einem Laden namens 7 Days Brew, eine ziemliche Hipster-Angelegenheit, aber die haben jede Menge internationaler Biere vom Fass, alles irgendwelche Microbreweries, das ist ja mittlerweile eine ausgewachsene Szene. Ausgewachsen sind auch die Preise, aber dafĂŒr bekomme ich auch QualitĂ€t. Ich fange an mit einem ‚Bikini Blonde Lager‘ aus Hawaii, danach merke ich, dass man auch eine Auswahl bestellen kann und ich bekomme einen kleinen Block aus Holz mit einer Auswahl von 5 Bieren in schönen TestglĂ€sern. Das erste ist das bereits bekannte Bikini Lager, dann gibts noch Blood Orange Gose, das auch nach Orangen schmeckt,  Baby Daddy Session, ein IPA aus Kalifornien, ein Porter, ebenfalls aus Kalifornien und zuletzt ein Pineapple Ale aus der Schweiz, welches nach dem Porter leider ziemlich lasch schmeckt. Dazu bestelle ich Jerk Chicken und danach reicht es mir. Ein schöner Tag!