Nordkorea – Fazit

Ich bin jetzt seit vier Wochen wieder zuhause, seit ich aus Nordkorea raus bin, sind 1,5 Monate vergangen. Zu der Reise selbst hab ich eine Menge geschrieben, ich will aber noch ein paar Dinge festhalten, die ich vor der Reise hier vorsichtshalber nicht geposted habe. Der Reihe nach:

Mein Interesse an dem Land reicht ziemlich weit zurĂŒck, die politische Situation war mir schon sehr lange bekannt, ich erinnnere mich daran, dass ich irgendwann Mitte der 90er mal einen eindrucksvollen Bericht gesehen habe. Das war die Zeit der großen Hungersnot, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fielen von heute auf morgen sĂ€mtliche Lebensmittel- und Rohstofflieferungen weg und Kim Jong Il war zu stolz, im kapitalistischen Ausland um Hilfe zu bitten. Die direkte Folge waren geschĂ€tzt eine Million Hungertote, bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 22 Millionen.

Seit dieser Zeit verfolge ich mehr oder weniger intensiv, was in dem Land vor sich geht, dass man Nordkorea problemlos bereisen kann, ist (zumindest mir) ziemlich neu. Ich habe zum ersten Mal letztes Jahr auf der ITB NĂ€heres erfahren, als ich den NK-Stand besucht habe und obwohl ich mich mit dem Typen dort nicht verstĂ€ndigen konnte, war klar, dass ich das machen will. Die Offenheit des Landes fĂŒr Touristen schwankt mit der jeweils aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage, zur Zeit sind die ZĂŒgel relativ locker, das Regime ist auf die Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen, dewegen war die Gelegenheit gĂŒnstig.

Bleibt die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, eine brutale MilitĂ€rdiktatur, denn nichts anderes ist Nordkorea, mit einer Reise und damit mit seinem Geld zu unterstĂŒtzen. Ich habe mit meiner Entscheidung bei sĂ€mtlichen Freunden und Bekannten mit wenigen Ausnahmen völliges UnverstĂ€ndnis geerntet, die Reaktionen schwankten zwischen ‚hast Du da keine Angst?‘ und ‚Bist Du irre, das kannst Du doch nicht machen!‘ Mein ehemaliger Arbeitskollege R.H. arbeitet ehrenamtlich bei Amnesty International und ist dort in einer Nordkorea-Gruppe. Er war selbstverstĂ€ndlich nicht begeistert und er war es auch, der mir geraten hat, im Vorfeld der Reise sehr vorsichtig zu sein und z.B. ihn sofort bei Facebook zu defrienden, da man nicht genau weiss, wie weit potentielle Touristen vorher gecheckt werden. Deswegen habe ich vor der Reise meine Bedenken und auch meine Meinung zu Land und System hier nicht geĂ€ussert.

Ich war mir selbst alles andere als sicher, ob ich die Reise machen soll, habe dann aber beschlossen, mein Gewissen zu ignorieren. Nach dem was ich dann im Land gesehen und erlebt habe, bin ich jetzt der Meinung, dass meine Entscheidung richtig war. Das hört sich wie eine nachtrĂ€gliche Rechtfertigung an, ist es aber nicht. Ich bin sogar der Meinung, dass noch viel mehr Touristen aus westlichen LĂ€ndern in das Land kommen sollten. Aus einem einfachen Grund: der Erfolg des Regimes grĂŒndet sich zu einem nicht zu unterschĂ€tzenden Teil auf der Unwissenheit der Bevölkerung. Die Situation in Korea wird zwangslĂ€ufig und auch zu Recht mit der Situation des geteilten Deutschland verglichen, es gibt aber dabei einen entscheidenden Unterschied: die Bevölkerung der DDR war jederzeit in der Lage, sich ĂŒber die ZustĂ€nde in Westdeutschland und im Rest der Welt zu informieren. Fast jeder konnte Westfernsehen empfangen, viele Menschen hatten Verwandschaft im Westen, zu denen ein gewisser Kontakt möglich war, nach der Lockerung durch Honecker in den 70ern waren auch Besuche möglich. Dadurch wusste der Großteil der Bevölkerung, wo sie im Vergleich zum Westen stand.

In Nordkorea sieht das anders aus, bis auf einen kleinen elitĂ€ren Teil weiss kaum jemand, wie es im Rest der Welt aussieht. Das ist, zumindest meiner Meinung nach, auch einer der HauptgrĂŒnde, wieso sich das Regime mit aller Gewalt gegen jedwede Lockerung strĂ€ubt. Deswegen denke ich, dass jeder noch so kleine Kontakt mit auslĂ€ndischen Touristen dazu betrĂ€gt, das Vertrauen der Nordkoreaner in ihre Regierung zu untergraben und sei es nur, dass sich der Tourist an einem Stand einen Apfel kauft und den/die VerkĂ€ufer/in anlĂ€chelt und ein Trinkgeld gibt. Von Vorteil dabei ist auch, dass wahrscheinlich jeder der das Land bereist, das aus ehrlichem Interesse macht, ansonsten wĂŒrde er oder sie nĂ€mlich niemals soviel Geld ausgeben. Das heisst, die ĂŒblichen Touri-Prolls, die man in westlichen LĂ€ndern oft genug sieht und die sich ĂŒberall daneben benehmen, gibt es in Nordkorea nicht. Der böse Westen zeigt sich dadurch in Nordkorea von seiner besten Seite und wenn auch nur eine einzige Person, mit der ich Kontakt hatte, sich jetzt denkt: ’so furchtbar schlimm und böse sind die Kapitalisten ja gar nicht‘, hat sich die Reise gelohnt.

Vor meinem Besuch war ich der Meinung, dass die Teilung ewig fortbestehen wĂŒrde und ich konnte mir kein Szenario vorstellen, das an dem Status Quo was Ă€ndern könnte, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Neue Technologien wie Smartphones halten Einzug, DVD-Player sind nicht mehr nur den privilegierten Parteigenossen vorbehalten und durch den Handel mit China, auf den das Regime nicht verzichten kann, kommen auch ’normale‘ BĂŒrger in den Besitz von DVDs mit Filmen und Berichten aus dem kapitalistischen Ausland. Das sind alles nur kleine Tropfen, aber ich glaube mittlerweile, dass ich den Zusammenbruch des Regimes noch erleben werde. Was danach kommt steht auf einem anderen Blatt, sollte es tatsĂ€chlich zu einer Wiedervereinigung kommen, werden die Probleme bei der Deutschen Vereinigung dagegen ein Witz sein. Trotzdem kann ich allen empfehlen, das Land zu bereisen, es lohnt sich in jedem Fall.

 

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