Das seltsame Feriendorf

Wir fahren zu dem internationalen Ferienlager in Songdowon, das ist eine Einrichtung, in der angeblich Kinder aus dem In- und Ausland gemeinsam ihre Ferien verbringen können. Die Anlage ist riesengroß und wurde erst kĂŒrzlich renoviert. Es gibt Schlaf- und EssrĂ€ume, eine Sporthalle mit Kletterwand, eine Schwimmhalle, einen riesigen Sportplatz, ein Freibad, mehrere Wasserrutschen und vieles mehr. Alles ist nagelneu, extrem schön und sieht total unbenutzt aus. Wir sehen zwar mehrere Gruppen Kinder verschiedener Altersklassen z.B. mit Booten auf dem Wassser rudern, Fussball spielen, oder auch in Reih und Glied marschieren, immer ein Lied an den geliebten Marschall Kim Jong Un auf den Lippen, auf dessen Initiative die Anlage renoviert wurde. Trotzdem sehen alle Anlagen und RĂ€umlichkeiten, die wir gezeigt bekommen, geradezu steril aus. Keinerlei Gebrauchsspuren, Finger- oder Fußspuren, irgendwas was auf die Anwesenheit von Kindern hindeuten wĂŒrde. Im Computerraum fehlen die Computer und die Monitore, die wĂŒrden noch geliefert, heisst es. Sehr dubios das alles.

Bei all den sportlichen AktivitĂ€ten mĂŒssen sich die Kinder ja auch mal entspannen, erklĂ€rt uns die FĂŒhrerin und fĂŒhrt uns in einen Raum, aus dem seltsame GerĂ€usche tönen. Ich muss mir dann tatsĂ€chlich wie im Film die Augen reiben, ob ich richtig sehe: der Raum ist vollgestellt mit Videospielautomaten und zum grĂ¶ĂŸten Teil handelt es sich dabei um fiese Ballerspiele. Kurz darauf stehen Frieder und die FĂŒhrerin mit zwei Plastikmaschinenpistolen vor einem der Automaten und ballern Soldaten ab. Mit Blutspritzern und allem. Kim und der Aufpassser versuchen sich an einem anderen Automaten. Ich weiss nicht, ob sie nicht raffen, was sie da gerade spielen, oder ob es ihnen egal ist, jedenfalls ist man in dem Spiel ein Agent in der Air Force One (!) und muss den amerikanischen PrĂ€sidenten (!!) vor Terroristen beschĂŒtzen (!!!). Die beiden legen die bösen Terroristen reihenweise um. Das ist die absurdeste Szene, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe. ich schaue mich um und auch Ulrich steht mit offenem Mund da.

Das kann nicht mehr getoppt werden, wir sehen dann noch einen kleinen Zoo der zu der Anlage gehört, ein armer Papagei wird zum Sprechen genötigt, wir werden durch ein Spiegellabyrinth gejagt und dĂŒrfen eine krass steile Wasserrutsche bewundern, auf die sich angeblich noch kein einziges auslĂ€ndisches Kind getraut hat. Die einheimischen Kinder machen das natĂŒrlich im Schlaf.

Das Ferienlager hinterlĂ€sst uns ziemlich ratlos. Es ist unmöglich, dass eine solche große und mit Sicherheit sauteure Anlage nur zu Propagandazwecken gebaut wurde, trotzdem sieht alles komplett unbenutzt aus, ausserdem fragen wir uns, wer um alles in der Welt seine Kinder nach Nordkorea ins Ferienlager schickt. Angeblich hat man GĂ€ste unter anderem aus Russland, Polen und diversen afrikanischen Staaten, wir haben allerdings ausschliesslich asiatische Kinder gesehen. Dazu kommt noch, dass zwischendurch immer mal wieder, fĂŒr unsere Auffassung völlig willkĂŒrlich, Fotoverbot ausgesprochen wird. Eine 10 auf der MerkwĂŒrdigkeits-Skala.

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